„Warten verstärkt traumatische Mechanismen“

25 Sep 2018
„Warten verstärkt traumatische Mechanismen“
Team und Absolvent*innen des Projekts "Muttersprachliche Trauma-Ersthilfe-Ausbildung für Geflüchtete", Copyright: Valentine Auer

Von Valentine Auer und Benjamin Storck

Das Projekt „Muttersprachliche Trauma-Ersthilfe-Ausbildung für Geflüchtete“ befähigt Geflüchtete, ihre Landsleute nach traumatischen Erfahrungen, zu unterstützen. 

Es ist wie eine Art Erste-Hilfe-Kurs, nur eben für die psychosomatische Gesundheit. Die Zielgruppe: Traumatisierte Menschen. Menschen, die nach Deutschland geflüchtet oder migriert sind. Mit dem Projekt „Muttersprachliche Trauma-Ersthilfe-Ausbildung für Geflüchtete“ wollen die Notärztin und Fachärztin für Psychosomatische Medizin Dr. med. Ulrike Wichtmann und die Lehrerin und Traumafachberaterin Christiane Hampel Geflüchtete befähigen, anderen Geflüchteten nach traumatischen Erfahrungen beizustehen. Bis 2018 wurden die ersten 30 Absolvent*innen in der bayerischen Kreisstadt Landsberg am Lech ausgebildet.

 

„Anderen zu helfen, hilft auch mir“

„Wenn ich jemandem helfen kann, hilft das auch mir selbst“, erzählt der Syrer Nazir Alhaffar. Er war traumatisiert, hatte gerade in stressigen Zeiten Flashbacks. Bewerbungen zu schreiben oder sein Zahntechnik-Studium weiter zu verfolgen, war in dieser Zeit schwierig. Durch das Projekt lernte er zu vermitteln, wie man sich in verwirrenden Zuständen orientieren und besser regulieren kann. Die Flashbacks wurden weniger, er konnte ein neues Studium aufnehmen. Mittlerweile hilft er auch traumatisierten Freunden und Freundinnen.

So wie Nazir geht es vielen seiner Kolleg*innen, die die Ausbildung absolviert haben. Milan Shahrokh beispielsweise: Er kommt aus dem Iran. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in Deutschland. Ganze zwei Jahre davon verbrachte er in einem Flüchtlingsheim. Eine Zeit, in der er psychische Probleme hatte. Durch die Ausbildung lernte er zu verstehen, wie Traumatisierung wirkt und wie man sich auf der körperlichen Ebene helfen kann: „Mein erster Klient war aus Afghanistan. Er hatte psychische Probleme, weil er lange Zeit im Camp gelebt hat. Auch mein zweiter Klient war aus Afghanistan, ich habe Übungen mit ihm gemacht und konnte ihm dadurch helfen“, erzählt Milan. Schon im Iran hat er als Dolmetscher beim Roten Kreuz andere Menschen, denen es schlecht ging, unterstützt.

„Erst-Betreuung ist gleich null“

Das Projekt scheint zu funktionieren. Ulrike Wichtmann will mit der Ausbildung auffangen, was in Deutschland allzu oft versäumt wird: „Die Erst-Betreuung Geflüchteter ist gleich null. Die Ehrenamtlichen bemühen sich nach besten Kräften, aber bei traumatisierten Menschen bedarf es fundierten Wissens, um Retraumatisierungen zu verhindern“, so Wichtmann. Bevor eine eigentliche Traumatherapie begonnen werden kann, braucht es sichere Umstände. Doch gerade Sicherheit ist etwas, das vielen Geflüchteten in Deutschland lange fehlt. In dieser Zeit ist durch eine erste Stabilisierung viel zu erreichen.

Genau hier setzt das Projekt an: Geflüchtete sollen ihre Landsleute nach traumatisierenden Ereignissen im Herkunftsland oder auch auf der Flucht unterstützen, ihr gelerntes Wissen über Traumata weitervermitteln und mit Hilfe von neurophysiologisch wirksamen Körperübungen die Traumatisierten wieder ins Hier und Jetzt holen. „Wir wissen, dass traumatische Ereignisse dazu führen können, dass die Betroffenen ihren Körper nicht oder kaum mehr spüren. Selbstregulatorische Körperübungen helfen, diese Effekte des Erstarrens, der vegetativen Dysregulation und des gestörten Körpergefühls aufzulösen“, erklärt Wichtmann.

Werden traumatische Symptome ignoriert, kann dies zu einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung führen. Eine schwere Erkrankung, die lebenslang anhalten und sich durch vielfältige Symptome ausdrücken kann: Von der Entwicklung einer körperlichen Erkrankung, einer Depression oder Suchterkrankung über Beziehungs-, Arbeits- und Lernstörungen bis hin zu aggressivem Verhalten.

Rahmenbedingungen beeinflussen Entwicklung des Traumas

Doch nicht nur fehlende psychoedukative Erst-Angebote, sondern auch die Rahmenbedingungen in den Aufnahmeländern haben einen Einfluss auf die Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen. Das lange Warten auf eine Asylentscheidung, der oftmals mangelnde Zugang zum Arbeitsmarkt oder zu Bildungsangeboten, das Fehlen von Kontakten und Freund*innen, die Unsicherheit über die Situation nahestehender Menschen, die vielleicht noch im Herkunftsland sind und nicht nach Deutschland kommen können – laut Wichtmann werden Geflüchtete in einem Zustand von Hoffnungslosigkeit alleine gelassen. „Dieses Warten und dieses Kalt-Gestellt-Sein über so lange Zeit, das Abgeschnitten-Sein – wie es die Geflüchteten oft empfinden – verstärkt diese traumatischen Mechanismen, anstatt sie zu lösen.“

Eine Einschätzung, die auch Christiane Hampel bestätigt. Sie arbeitet an einer Berufsschule mit Geflüchteten zusammen. Vor zwei Jahren machte sie eine Ausbildung zur Traumafachberaterin. Es war einfach notwendig, sich mit dem Thema zu beschäftigen, erzählt sie: „Die Geflüchteten müssen von null auf hundert nach deutschem System funktionieren. Das geht aber nicht, da sie nachts nicht schlafen können, da sie Albträume haben, da sie traumatisiert sind. In dieser Situation können die Menschen gar nicht ins Lernen kommen“. Seit zwei Jahren macht sie an ihrer Schule Psychoedukation und sieht, wie von den Schüler*innen eine große Last fällt, wie es ihnen nach und nach besser geht. Bei den Übungen wird immer wieder die positive Wirkung auf ihr allgemeines Befinden bestätigt.

„Ein Projekt über deutsche und europäische Grenzen hinaus“

Eine Ausweitung dieser Form von Psychoedukation innerhalb des deutschen Schulsystems fände Hampel daher sinnvoll. Nicht nur in Flüchtlingsklassen, sondern auch in Regelschulen. „Die Jugendlichen würden besser verstehen, wie ihr Körper funktioniert, wieso sie reagieren, wie sie reagieren; wieso sie aggressiv werden – aber auch, wie sie anderen helfen können“, so Hampel weiter.

Und auch eine Erweiterung des Projekts „Muttersprachliche Trauma-Ersthilfe-Ausbildung für Geflüchtete“ wäre wünschenswert, darin sind sich Wichtmann und Hampel einig. Nach dem ersten Kurs beim Roten Kreuz in Landsberg sind sie derzeit in Gesprächen mit der Caritas in Garmisch-Partenkirchen, um auch dort die Ausbildung zu verankern. Auch andere Kommunen und Wohltätigkeitsorganisationen haben Interesse daran bekundet, das Projekt zu reproduzieren. Gleichzeitig soll das Projekt auch über deutsche Landesgrenzen hinweg transferiert werden, erklärt Wichtmann: „Angesichts der Tatsache, dass das Problem der Flucht nicht dadurch behoben ist, dass man die Grenzen schließt, sondern dass es weltweit immer mehr Geflüchtete geben wird, wollen wir mit unserem Projekt auch über deutsche und europäische Grenzen hinausgehen. Es wäre ein sinnvoller Beitrag zur Fluchtursachenbekämpfung“.

Ein erster Schritt in Richtung Internationalität ist die Verbreitung des entstandenen kleinen Lehrbuchs in verschiedenen Sprachen. In zehn Sprachen wurde das Manual bereits übersetzt, weitere sollen folgen – genauso wie eine Website, über die auf dieses Wissen zugegriffen werden kann. „Damit soll sich das Wissen wie ein Schneeballsystem verbreiten, damit auch Menschen in Flüchtlingslagern außerhalb Deutschlands als Ersthelfer ausgebildet werden können. Außerdem ist ein Begleitheft für Multiplikatoren in Vorbereitung, um unsere didaktischen Erfahrungen zu sammeln“, so Wichtmann abschließend.

 

Seite 2: „In Würde ankommen und leben dürfen“ – Interview mit Ulrike Beckrath-Wilking


Im Oktober erscheint die zweisprachige Version (deutsch/englisch) des Manuals “Erste Hilfe für Geflüchtete mit Traumafolgestörungen” im AJZ Verlag Bielefeld (ISBN-Nummer: 978-3-86039-039-9). Es ist ab dann im Buchhandel erhältlich. Weitere Sprachen können bei Dr. med. Ulrike Wichtmann bezogen werden (u.wichtmann@t-online.de).

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