Was kann Integration bedeuten?

01 Feb 2018
Was kann Integration bedeuten?

Die „Wege der Integration“ sind vielfältig. Auf die Frage, was genau der Begriff „Integration“ überhaupt meint und wie sie gelingen kann, gibt es viele Antworten. In drei Kurzinterviews skizzieren die drei Beirät*innen des Diskurses ihre Positionen.

„Es geht um Minderheits- und Mehrheitsverhältnisse“

Prof. Dr. Sonja Haug
Foto: Florian Hammerich/OTH Regensburg

Prof. Dr. Sonja Haug

Sonja Haug ist Professorin für Empirische Sozialforschung und Co-Leiterin des Instituts für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg. Zuvor war sie Referatsleiterin im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sowie den Universitäten Stuttgart, Mannheim und Leipzig.

Frau Haug, was bedeutet „Integration“ für Sie?

Die Frage kann je nach theoretischem Konzept unterschiedlich beantwortet werden. Bei einem Integrationskonzept – wie es Hartmut EsserHartmut Esser ist Professor für Soziologie und Wissenschaftstheorie an der Universität Mannheim. oder Friedrich HeckmannFriedrich Heckmann ist Professor für Soziologie und Co-Leiter des „europäischen forums für migrationsstudien“. vertreten – wäre gelungene Integration dann gegeben, wenn sich zwischen Personen mit und Personen ohne Migrationshintergrund statistisch geringe Unterschiede feststellen lassen, beispielweise bei der Arbeitslosenquote.

Andere Ansätze – insbesondere praxisbezogene Integrationskonzepte von Kommunen, Institutionen oder Stiftungen – legen den Fokus auf die Teilhabe. Integration wäre dann gelungen, wenn in einer vielfältigen Gesellschaft unterschiedliche Gruppen gleichermaßen an gesellschaftlichen Angeboten partizipieren. Der Begriff der Integration bleibt auch in dieser aktuellen Migrationsdebatte – wie Thomas FaistThomas Faist ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. oder Ludger PriesLudger Pries ist Professor für Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum. argumentieren – unverzichtbar.

Bei „Integration“ geht es um das Verhältnis zwischen Gruppen sowie zwischen Gruppen und Einzelpersonen. Es geht um Minderheits- und Mehrheitsverhältnisse. Bei Zuwanderern der ersten Generation und womöglich auch deren bereits in Deutschland geborenen Kindern, lässt es sich sehr schwer umgehen, Gruppenunterschiede wahrzunehmen.

Die Frage ist, inwieweit zugeschriebene Gruppenmerkmale negativ konnotiert werden und eine Stigmatisierung stattfindet. Aber auch, inwieweit sich diese Identitäten im Zeitverlauf verändern oder wie durchlässig Gruppengrenzen sind.

Wie kann dies in der Praxis gelingen?

Integration ist kein eindimensionaler Prozess und es gibt viele unterschiedliche Typen von Zuwandererinnen und Zuwanderern, so dass gelingende Integration sehr individuell ausfällt. Voraussetzung ist, dass Offenheit von beiden Seiten besteht und man einander als Gleiche anerkennt. Eine Anerkennung der geltenden Rechtsordnung gehört ebenfalls dazu.

Dass die überwiegende Mehrheit der Zugewanderten der ersten Generation angeben, dass sie sich Integration wünschen und dazu bereit sind, dafür etwas zu tun, ist eine gute Voraussetzung. In vielen Fällen ist Unterstützung durch fachliche Dienste, zum Beispiel aus der Sozialen Arbeit, aber auch durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, für ein Gelingen erforderlich.

Welche politischen Maßnahmen braucht es jetzt?

Am wichtigsten ist die Förderung zum Erwerb der deutschen Sprache, die im Rahmen der bundesweiten Integrationskurse erfolgt.

Außerdem braucht es Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration und zwar auf allen Ebenen. Das heißt im Niedriglohnsektor ebenso wie im Bereich der Nachqualifikation von Personen, die einen Beruf ausgeübt oder ein Studium abgeschlossen haben.

Die Dauer von Aufenthalten mit ungeklärtem oder unsicherem Status könnte durch die Beschleunigung der Verfahren verringert werden. Auch wenn sich hier in letzter Zeit viel getan hat, ist für unterschiedliche Zuwanderergruppen ein Wechsel im Aufenthaltstitel, ein so genannter „Spurwechsel“, schwierig. So ist es für Asylbewerber oftmals schwierig, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Zudem könnten auch die bisherigen Möglichkeiten des Aufenthaltsgesetzes für Arbeitsmigration (z.B. die Blue Card)Die Blue Card ist ein Aufenthaltstitel, der es hochqualifizierten Drittstaatsangehörigen ermöglicht in einem EU-Staat zu arbeiten. Die Bundesagentur für Arbeit fordert bereits seit 2015 die Blue Card für Asylbewerber*innen zu öffnen. Das Bundesinnenministerium ist jedoch gegen die Möglichkeit vom Asyl- ins Visumverfahren zu wechseln. oder Bildungsmigration noch besser genutzt und ausgebaut werden.

Interview: Valentine Auer

„Es kann nur in die Zukunft gehen“

Foto: Mathias Heyde/HU Berlin

Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba

Wolfgang Kaschuba ist Ethnologe an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war dort von 1994 bis 2014 Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie und ist seit 2014 Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung sowie Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission und Vorsitzender ihres Kulturausschusses.

Herr Kaschuba, was bedeutet Integration für Sie?

Ich verstehe Integration als eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Wir müssen dabei wegkommen von der Integration als Eingliederungs- und Anpassungszwang — und hin zu neuen Vorstellungen davon, wer wir als Gesellschaft in Deutschland sind und sein möchten.

Von unserer Gesellschaft werden im öffentlichen Diskurs Bilder gezeichnet, die permanent den Blick zurückwerfen. Sie versuchen, an den scheinbaren Sicherheiten anzuknüpfen, die die Autoritäten der Nachkriegsgesellschaft versprochen haben. Diese Bilder müssen wir umschreiben. Wir brauchen Gesellschaftskonzepte, in denen sich die längst bestehende Realität in Deutschland widerspiegelt.

Es muss deutlich werden, dass wir in Deutschland eine hohe Pluralität der Lebensentwürfe haben. Und jeder von uns mit vielfältigen Identitäten lebt. Es ist selbstverständlich, dass ein und derselbe Mensch Feuerwehrfrau, Vegetarierin und Fußballfan gleichzeitig sein kann. Eine solche Vielzahl an „segmentären Identitäten“ muss auch Einwanderinnen und Einwandern zugestanden werden.

Wir müssen deutlich machen, dass wir eine Verhandlungsgesellschaft sind. Was unsere Gesellschaft ausmacht, ist nicht in Stein gemeißelt, sondern wird gesellschaftlich verhandelt. Und am Verhandlungstisch haben alle Mitglieder der Gesellschaft einen Platz.

Wie kann dies in der Praxis gelingen?

Ich sehe etwa im Erziehungs- und Bildungsbereich großen Nachholbedarf. Die Menschen in Deutschland müssen besser auf das Leben in einer Gesellschaft vorbereitet werden, die von hoher sozialer Mobilität geprägt ist.

Auch wenn in der Praxis nicht alles so offen ist, wie man es sich wünschen würde — wir haben heute viel größere individuelle Wahlmöglichkeiten als noch in den 1950er und 60er Jahren. Die überwiegende Mehrheit hierzulande lebt heute nicht mehr so, dass sie in irgendwelche Verhältnisse hineingeboren werden und dort von der Wiege bis zur Bahre bleiben. Gerade für Jüngere und Zugewanderte ist das eine große Chance. Wenn dauerhafte Bindungen beispielsweise in Familie oder Vereinen an Bedeutungen verlieren, bedeutet das aber auch neue Unsicherheiten, gerade für ältere Generationen oder auf dem Land.

Wir müssen die Menschen unterstützen, einen eigenen Navigator zu entwickeln, mit dem sie sich in der heutigen Gesellschaft zurechtfinden können.

Welche politischen Maßnahmen braucht es jetzt?

Es braucht einen Diskurs, der die Realität in den Blick nimmt. Die Politik muss sich jetzt hinstellen und ganz klar sagen, wo es hingeht. Und es kann nur in die Zukunft gehen. Was wir aber derzeit erleben, ist eine politische Strategie, die die Konservativen schon immer praktiziert haben: Man zeigt mit dem Finger auf einen Sündenbock, um wirklichen Problemen aus dem Weg zu gehen.

Es muss Schluss sein mit der permanenten Hysterisierung. Haben der bayerische oder der sächsische Ministerpräsident denn überhaupt schon eine Frau in Burka auf der Straße in München oder Dresden gesehen? Wir brauchen eine sachliche und vernünftige politische Debatte, in der die gesellschaftlichen Realitäten zur Sprache kommen und keine Symbolpolitik betrieben wird, um die eigene Wiederwahl zu sichern. Es muss beispielsweise über die Not und lange Verweilzeit in den Flüchtlingsunterkünften gesprochen werden, die zur Ghettoisierung führt und damit so etwas wie Integration ganz wesentlich behindert.

Als Ethnologe wünsche ich mir manchmal, mit gewissen Politikern einen Wahrnehmungsspaziergang zu machen. Das machen wir mit den Studierenden im ersten Semester. Die sollen sich einmal auf den Hermannplatz in Berlin-Neukölln stellen. Und dann übt man zu beobachten und aufzuschreiben, was man sieht. Dann könnten wir endlich anfangen, vernünftig zu diskutieren.

Interview: Dennis Mehmet

„Wir wollen die Heterogenität der Städte auch Neu-Angekommenen anbieten“

Dr. Katja Niethammer

Katja Niethammer leitet seit Dezember 2016 das neugegründete Amt für Migration und Integration in Freiburg. Zuvor war sie für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, Genf, in Auslandsmissionen im Irak, im Tschad und in Jordanien. Nach ihrem post-doc an der Georgetown University war sie Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Hamburg und übernahm Lehrstuhlvertretungen in Berlin und Göttingen.

Frau Niethammer, was bedeutet „Integration“ für Sie?

Unter „Integration“ wird oft verstanden, dass sich bestimmte Gruppen in ein homogenes Ganzes integrieren müssten. Das heißt hier wird impliziert, dass es eine homogene Gesellschaft gäbe, in die Integration stattfinden muss. So ist es natürlich nicht. Ich würde den Begriff „Integration“ aus pragmatischen Gründen trotzdem benutzen, da er nun mal eingeführt ist. Dabei muss man aber unterstreichen, dass viele Gebiete in Deutschland – insbesondere städtische – sehr heterogen sind. Es geht nicht darum, sich in eine homogen gedachte „deutsche“ Gesellschaft zu integrieren.

In der Stadt Freiburg versuchen wir daher, gerade Migrantinnen und Migranten, die schon länger in Deutschland leben, dafür zu aktivieren, Neu-Angekommene im Integrationsprozess zu unterstützen. Wir wollen die Vielschichtigkeit und Heterogenität, die es in den Städten gibt, auch den Neu-Angekommenen anbieten. Das ist für eine städtische Gesellschaft natürlich einfacher zu realisieren als im ländlichen Bereich, wo vielleicht mehr Anpassung gefordert wird.

Wie kann Integration in der Praxis gelingen?

Für die Menschen, die neu in Deutschland sind, ist Integration nicht abstrakt oder theoretisch. Für diese Menschen ist es wichtig, aus dem Wohnheim auszuziehen und wieder eigenständig leben zu können. Dafür braucht es auch Jobperspektiven. Diese sehr konkreten Dinge – Ausbildung, Arbeit und Wohnsituation – sind die Basis, von der aus Integration gelingen kann.

Mittelfristig geht es natürlich darum, dass alle Bürger und Bürgerinnen, die in einer Stadt wohnen, sich in gesellschaftliche Zusammenhänge einbringen können – sei das kulturell, politisch oder sozial. Da ist natürlich wieder die Frage, welche Gesellschaft. Im städtischen Bereich versuchen wir, die Menschen erst einmal an ihren Stadtteil anzubinden.

Welche politischen Maßnahmen braucht es jetzt?

Oha. Da gibt es viele. Ich greife zwei Punkte heraus:

Aus Sicht der Betroffenen ist es wichtig, weiterhin daran zu arbeiten, dass die Verfahren zügig entschiedenDerzeit dauern Asylverfahren laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge durchschnittlich 10,7 Monate. In dieser Zeit gelten einige Einschränkungen. So haben Asylsuchende nur unter bestimmten Vorrausetzungen Zugang zum Arbeitsmarkt. werden und mit einem klaren Entscheid enden. Je länger Menschen in einer unklaren Situation sind, desto länger sind sie in der Entwicklung eigener Perspektiven blockiert. Das ist ein großes Integrationshemmnis. Natürlich muss aber darauf geachtet werden, dass auch bei schnelleren Verfahren die Qualität nicht leidet.

Ein weiterer Punkt, der bei uns in der Praxis eine große Rolle spielt, ist die Frage, wie mit Traumatisierungen umgegangen werden soll. Hier sind derzeit viele Fragen – auch, aber nicht nur, finanzieller Art – ungeregelt. Es gibt verschiedene StudienLaut einer Studie des Psychologen und Kriminologen Helmut Kury weisen 34,8 Prozent der befragten Flüchtlinge eine Posttraumatische Belastungsstörung auf. Die Zahl ist beinahe fünf Mal so hoch wie bei Menschen ohne Fluchthintergrund (sieben Prozent)., die eine Schätzung abgeben, wie viele der seit 2015 Angekommenen unter traumatischen Belastungsstörungen leiden.  Es besteht hier daher ein realer Handlungsbedarf. Mit schweren Traumatisierungen lässt sich nur schwer arbeiten oder eine Ausbildung beginnen. Und so wird letztlich auch Integration massiv erschwert.

Interview: Valentine Auer

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