Plädoyer für eine kritische Fluchtforschung

09 Feb 2018
Plädoyer für eine kritische Fluchtforschung

Ein internationales Forscher*innenteam schlägt vor, Geflüchtete im Aufnahmeland per Algorithmus zu verteilen. Ihr Artikel offenbart grundlegende Probleme, die in der aktuellen Fluchtforschung leider kein Einzelfall sind.

ein Kommentar von Jannes Jacobsen, Simon Goebel und Dennis Mehmet 

„Die Integration von Geflüchteten mit Hilfe datengestützter, algorithmischer Verteilung verbessern“ — so titelte vor kurzem ein Aufsatz im renommierten Fachmagazin Science.1 Ein internationales Forscher*innenteam präsentierte dort ein „praktikables und kosteneffizientes Policy-Tool“, das Verwaltungen von Ländern mit hoher Fluchteinwanderung unterstützen soll, den Integrationsprozess zu „optimieren“. Das Programm agiert nach Vorstellungen der Entwickler*innen dabei als eine Art Matchmaker zwischen Geflüchteten und Arbeitsmarkt. Auf Basis persönlicher Merkmale (etwa Herkunftsland, Sprachkenntnisse, Geschlecht und Alter) soll ein Algorithmus errechnen, wo eine geflüchtete Person die besten Chancen auf eine schnelle Anstellung hat. Anschließend sollen die Menschen im Aufnahmeland verteilt werden — auf Grundlage einer vom Algorithmus ermittelten „Synergie“ zwischen ihrer „persönlichern Charakteristik“ und dem „geografischen Kontext“.

Die Art und Weise wie zu und über Geflüchtete geforscht wird, ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Vorstellungen über Geflüchtete. In dem Aufsatz springen eine Reihe eklatanter Schwierigkeiten ins Auge, die in der gegenwärtigen Forschungslandschaft leider kein Einzelfall sind. Auch im derzeit stark wachsenden Feld der Flucht- und Migrationsforschung finden sich politische Narrative wieder, die Geflüchteten ihre Handlungsautonomie absprechen.

Die Schwierigkeiten des Science-Artikels beginnen damit, dass dort eine möglichst schnelle Arbeitsmarktintegration stillschweigend als der Schlüssel für eine erfolgreiche gesellschaftliche Integration vorausgesetzt wird. Andere Faktoren, etwa Zugang zu psychosozialer und medizinischer Versorgung, Anschluss an eine städtische Infrastruktur, Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, ja subjektives Wohlbefinden überhaupt, finden als Kriterien für ein gutes Leben kaum Berücksichtigung. Wenn doch, so meist als Mittel zum Zweck der Integration in den Arbeitsmarkt. Dies ist jedoch nur Symptom einer weitaus größeren Problematik: Subjektives Wohlbefinden und individuelle Bedürfnisse bleiben deswegen außen vor, weil Geflüchtete insgesamt außen vor bleiben. Der Aufsatz reiht sich damit ein in einen  „Integrationsdiskurs“, in dem die Betroffenen selbst keine Stimme haben. Für ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Sorgen, ihre Kritik und Vorschläge ist kein Platz.

Geflüchtete werden als verdinglichte Masse behandelt, die nach Kriterien ökonomischer Verwertbarkeit gerastert und nach staatlichem Belieben verteilt werden kann. Die Selbstbestimmung geflüchteter Menschen spielt keine Rolle.

Die algorithmische Verteilung offenbart in letzter Konsequenz nur das, was in Marktwirtschaften ohnehin ständig geschieht: Der ökonomische Nutzen wird als wichtigster Maßstab menschlichen Handelns angelegt. Geflüchtete trifft diese Verwertungslogik besonders hart, da sie gemäß ihrer sozial konstruierten und rechtlich festgelegten Nicht-Zugehörigkeit zum Nationalstaat besonderen Exklusionsmechanismen unterworfen werden. Sie sind zumeist nicht Teil einer nationalen Solidargemeinschaft, in der für sie die gleichen Rechtsprinzipien gelten wie für Staatsbürger*innen.

Abgesehen davon, dass Wohnsitzauflagen in der Vergangenheit die Integration gehemmt statt gefördert haben2  — der Umstand, dass liberale Demokratien (wie die im Science-Artikel fokussierten USA und die Schweiz) die freie Wahl des Wohn- und Aufenthaltsortes für ganze Personengruppen massiv einschränken, wird gar nicht erst hinterfragt, sondern als selbstverständlich hingenommen. Für Staatsangehörige wären solche Beschränkungen undenkbar. Die wissenschaftliche Reproduktion einer solchen politischen Regulierungspraxis legitimiert und normalisiert daher die Differenz zwischen privilegierten Staatsbürger*innen und innerhalb des Staates ausgeschlossenen „Anderen“.

Es geht uns also auch um eine Kritik an den methodologisch zweifelhaften Grundannahmen des Aufsatzes, ohne jedoch qualitative Forschung gegen die vermeintliche Macht der Zahlen ausspielen zu wollen. Eine quantitative Sozialforschung aber, in der Geflüchtete bloßes Objekt der Forschung bleiben, statt adäquate Repräsentation als handlungsautonome Subjekte zu erfahren, macht sich zur Erfüllungsgehilfin einer Ideologie, die Geflüchteten systematisch die Möglichkeit der Selbstbestimmung abspricht. Dass es auch anders geht, zeigen Forschungsprojekte, die entweder in qualitativen Interviews oder qua standardisierter Umfrageforschung Geflüchteten die Möglichkeit geben, über ihre Bedürfnisse und Sorgen Auskunft zu geben.3 Fluchtforschung kann so auch dazu beitragen, dass Geflüchtete an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen gleichberechtigt teilhaben und Gehör finden.


1 Kirk Bansak et al (2018): Improving refugee integration through data-driven algorithmic assignment. Science 359 (6373), S. 325-329.

2 Nihad El-Kayed und Ulrike Hamann (2016): Wohnsitzauflage fördert nicht die Integration. Mediendienst Integration.

3 Als Beispiel sei hier das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) genannt, welches seit 2016 regelmäßig das subjektive Wohlbefinden von Geflüchteten in Deutschland abfragt; siehe etwa hier. Als Beispiel für eine gelungene Forschung, die die Perspektiven der Geflüchteten in den Mittelpunkt stellt, sei die Studie „Geflüchtete Menschen in Deutschland“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) genannt (2016).

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