“Politische Bildung muss diese Krise nutzen”

18 Mai 2020
"Politische Bildung muss diese Krise nutzen"
Lorenz Semmler ist Referent für Politische Bildung beim Bezirksjugendring Schwaben. Foto: Beate Winterer

Lorenz Semmler ist Teilnehmer des aktuellen Diskurses „Miteinander vor Ort“. Er ist Referent für Politische Bildung beim Bezirksjugendring Schwaben. Er unterstützt und berät Jugendverbände, Jugendringe sowie Jugendbeauftragte in fachlichen und konzeptionellen Belangen. Darüber hinaus ist er für Projekte wie die „Lange Nacht der Demokratie” oder Vernetzungstage wie das „Barcamp Politische Bildung Schwaben” verantwortlich. Aufgrund der Corona-Maßnahmen musste er viele seiner Projekte absagen, andere Projekte werden derzeit in digitale Formate umgewandelt. Im Interview berichtet er über Herausforderungen, Perspektiven und Chancen dieser Zeit.

Wie sieht deine Arbeit derzeit aus?
Inhaltlich liegen bei mir ganz viele Projekte auf Eis. Die Frage ist, was in der nahen Zukunft überhaupt stattfinden kann. Projekte, die in den nächsten zwei Monaten hätten stattfinden sollen, wurden bereits abgesagt, das wurde uns vom Vorstand so vorgegeben. Projekte ab Spätsommer und Herbst können hoffentlich zumindest digital stattfinden. Dazu gehört zum Beispiel die „Lange Nacht der Demokratie“ am 2. Oktober 2020, für die ich in den letzten Monaten sehr viel Zeit für die Organisation aufgewendet habe. Gerade läuft die bayernweite Abstimmung, ob die „Lange Nacht der Demokratie“ in diesem Jahr digital durchgeführt wird und 2021 analog nachgeholt wird. Diesem Vorschlag hat bereits unser Vorstand zugestimmt und jetzt warten wir noch die Reaktion der bayernweiten Koordinierungsstelle ab, wie damit umgegangen wird und ob alle Kommunen mitziehen. Ich glaube nicht, dass man im Oktober aufgrund der Auflagen Großveranstaltungen durchführen darf. Und so geht es eher in Richtung einer digitalen Veranstaltung und ich bin gerade dabei zu schauen, wo wir unser Angebot auch digital umsetzen können.
Für die „Lange Nacht der Demokratie“ hatten wir mit unserem Angebot auch versucht, Randgruppen zu erreichen, die bisher wenig erreicht werden, und so könnte ein rein digitales Format unter Umständen eine größere Hemmschwelle darstellen.
Wir hatten als Top Act einen Auftritt von Roger Rekless geplant. Der Musiker war selbst schon in der Jugendarbeit tätig, hat bei Puls (BR) moderiert und ist Autor des Buches „Ein Neger darf nicht neben mir sitzen“. Eine deutsche Geschichte, in dem er über seine Diskriminierungserfahrungen berichtet. Er hätte sehr gut zu unserem Thema „Teilhabe in der Gesellschaft“ gepasst, weil er inhaltlich viel zu sagen hat und das in einer Form macht, die jugendkompatibel ist. Und er hätte dann auch ein Konzert gegeben.
Dann wäre für die „Lange Nacht der Demokratie“ noch geplant gewesen, dass weitere Organisationen interaktive Angebote machen mit Aktionsständen und Workshops, wo man sich auf vielfältige Art und Weise mit politischer Bildung und Demokratie auseinandersetzen kann. Wo man gemeinsam diskutieren kann – und teilweise lässt sich das sicherlich ganz gut virtuell umsetzen und andere Aktionen lassen sich einfach nur analog durchführen. Viele dieser Organisationen sind gerade dabei, ihr Programm zu digitalisieren und genau zu prüfen, was sich digital umsetzen lässt und was sie dann anbieten können.

Wie ist der Kontakt zu den Jugendlichen und wie sprechen sie über die Situation?
Ich selber habe eigentlich gar keinen Kontakt, da ich ja nicht in der Offenen Jugendarbeit tätig bin. Kontakt habe ich zu Multiplikatoren, Verbänden und Leuten, die in der Jugendarbeit tätig sind, auch überwiegend junge Menschen um die 30. Was ich aber von deren Situation mitbekomme ist, dass die Verbände aktuell vor allem damit beschäftigt sind, wie sie ihr Ferienprogramm gestalten können und wie sie die Kommunikation zu den Jugendlichen aufrecht erhalten und organisieren können.
Und ansonsten bekommen wir von den Jugendverbänden mit, dass die Folgen und Nachwirkungen der Corona-Maßnahmen massiv sind, dass gerade auch Jugendliche, die schon abgehängt sind, noch weiter abgehängt werden. Weil sie zum Beispiel nicht die Möglichkeiten haben, dem Home-Schooling in einer Form nachzukommen, wie das erwartet wird. Dass Kontaktsperren dazu führen, dass manche zum Beispiel in Computerspielen mit Gewalt versumpfen, dass sie selbst noch häufiger psychische und physische Gewalt erfahren und keine Ansprechpartner außerhalb der Familie haben, die durch die Offene Jugendarbeit und Schule eigentlich da wären.
Ich denke auch, dass marginalisierte Gruppen durch diese Krise noch stärker marginalisiert werden, dabei geht es auch um die Menschen, die schon jetzt in Kurzarbeit oder arbeitslos sind, also in sehr prekären finanziellen Verhältnissen leben. Das führt ja auch dazu, dass die erforderliche Digital-Ausstattung für das Home-Schooling für die Kinder und Jugendlichen nicht vorhanden ist.

Es gibt jetzt ein großes und auch interessantes Online-Bildungsangebot. Von daher denke ich, dass einige, die ohnehin schon gut aufgestellt sind und auch einen intellektuellen Zugang dazu haben, von den neuen digitalen Angeboten profitieren werden. Sie verfügen jetzt über ein noch größeres und wirklich tolles Angebot. Jugendliche, die keinen intellektuellen Zugang dazu haben, werden dagegen noch weiter abgehängt. Da ist Beziehungsarbeit umso wichtiger; Beziehungsarbeit, die eigentlich fast nur analog funktioniert. Etwa, wenn man beim gemeinsamen Kickern auch andere Themen anspricht. Das fehlt jetzt.

Worin besteht für dich im Moment die größte Herausforderung?
Für mich war in den letzten Wochen tatsächlich herausfordernd, wie ich Familie und Arbeit einigermaßen unter einen Hut bekomme. Und das entspannt sich gerade etwas. Die größte Herausforderung für mich ist, dass es schwierig ist wirklich abzuschätzen, was gerade Priorität hat und wo ich meine Energie reinstecke. Macht es wirklich Sinn, neue digitale Angebote zu entwickeln? Oder sind unsere Leute, an die sich das eigentlich richten würde, ohnehin gerade mit anderen Themen beschäftigt, so dass sie diese ohnehin nicht in Anspruch nehmen würden? Und inwieweit können wir trotzdem als politikbildnerisch Tätige die Krise nutzen? Politische Bildung muss aus meiner Sicht diese Krise nutzen. Es ist wichtig, im Blick zu behalten, dass es nicht immer weiter ins Autoritäre abdriftet, darauf aufmerksam zu machen und aufzuklären. Ich finde, dass es eine Riesenchance sein kann: Durch diese Krise werden so viele gesellschaftliche Fragen aufgeworfen und das politisiert die Menschen. Genau da ließe sich sehr gut mit politischer Bildung ansetzen, um diese Politisierung zu begleiten und dadurch Bildungsprozesse anzustoßen. Ich bin gerade am Überlegen, wie man das umsetzen kann und wie sich Multiplikatoren anstoßen lassen und das auch als Chance und Notwendigkeit begreifen.

Welches Thema würdest du dir in dem Bereich gerne vornehmen?
Das Wichtigste aus meiner Sicht sind gerade die Folgen für marginalisierte Bevölkerungsgruppen und Jugendliche, die gerade sehr abgehängt werden, aber auch eben Themen wie „erstarkender Nationalismus“, „Autoritarismus“ und die Frage nach der „gesellschaftlichen Solidarität“. Ist das wirkliche Solidarität oder was ist das, wenn wir Flüchtlinge an der Grenze krepieren lassen?
Und je mehr wir auf das Digitale zurückgeworfen sind, desto wichtiger wird, darauf zu achten, in welchen Filterblasen wir uns bewegen. Das ist aus meiner Sicht auch zu wenig beleuchtet. Das war ein großes Thema in den letzten Jahren, aber jetzt, da wir verstärkt darauf zurückgeworfen sind, wird es plötzlich nicht so stark thematisiert. Man muss sich wieder und wieder bewusst machen, dass wir von den Algorithmen der Systeme abhängig sind.


Interview: Juliane Schwab

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