„Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandeln“

31 Okt 2018
„Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandeln“
Anselm Böhmer, Foto: Sebastian Haas

Der Diskursteilnehmer Anselm Böhmer ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und beschäftigt sich unter anderem mit Migration, sozialen Räumen sowie Bildungsungleichheit. Um letztere abzubauen, braucht es eine permanente Aufklärung und ein Benennen und Aushebeln struktureller Diskriminierungen.

Von Ausschließungen und unterschiedlichen Ressourcen

Soziale Ungleichheit. Für den Diskursteilnehmer und Bildungswissenschaftler Anselm Böhmer ein Thema, das sich durch unterschiedliche Bereiche zieht und dessen Bekämpfung zentral für den sozialen Zusammenhalt ist. Gerade Menschen, die nicht als Norm wahrgenommen werden, sind oftmals mit Ausschluss- und Diskriminierungsmechanismen konfrontiert. „Sozialer Ungleichheit liegen keinen Wesenheiten von Menschen zu Grunde, sondern soziale Ungleichheit wird durch die soziale Praxis im Alltag und durch Unterschiede der Ressourcenausstattung hergestellt. Menschen werden auf bestimmte Weise eingeordnet und als Einzuordnende angesprochen“, sagt Böhmer. Bestehende Hierarchien werden dabei weitergeführt und reproduziert, die Nutzung von Möglichkeiten nur bestimmten Menschen zu- und anderen wiederum abgesprochen.

Ganz konkret zeigen sich soziale Ungleichheiten beispielsweise durch einen Mangel an menschenwürdigem und bezahlbarem Wohnraum oder dem Abbau und der Verteuerung von Sozialtickets für den öffentlichen Personenverkehr. Aber auch in Bildungsbiographien, im Zugang zu Bildung, wird diese Ungleichheit deutlich, erklärt Böhmer, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg: „Gerade in Deutschland werden Menschen mit der Zuschreibung eines Migrationshintergrundes sehr häufig von Bildungschancen ausgegrenzt. Oftmals passiert dies nicht in erster Linie durch die Zuschreibung von Fremdheit, sondern in einem relativ großen Anteil aufgrund sozialer Differenzen. Ausschlaggebend sind also bestimmte Lebensmöglichkeiten und Ressourcenzugänge.“

So zeigen die Deutschland-Ergebnisse der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2018”, dass 32 Prozent der im Ausland geborenen Erwachsenen keinen Abschluss im Sekundarbereich II erreichen, während dieser Wert bei im Inland geborenen Erwachsenen bei neun Prozent liegt. Gleichzeitig sind Österreich und Deutschland die Länder mit den größten Unterschieden beim Anteil der NEET (als Menschen, die nicht in Beschäftigung, Bildung oder Ausbildung sind) unter im Ausland und im Inland geborenen 15- bis 29-Jährigen.

Von Aufklärung und Entdiskriminierung

Gründe dafür liegen laut Böhmer in migrationsbezogenen und sozialen Diskriminierungen, aber auch in darauf aufbauenden Selbstausschließungsprozessen. Eine These, die von Pierre Bourdieu und Jean-Claude PasseronPierre Bourdieu, Jean-Claude Passeron (1971): Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs. In: Texte und Dokumente zur Bildungsforschung, hrsg. vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Ernst Klett Verlag, Stuttgart. bereits im Jahr 1971 formuliert wurde und die für Böhmer nach wie vor Gültigkeit besitzt und in den Analysen zum heutigen Bildungssystem nicht in Vergessenheit geraten darf: „Einerseits sind Menschen mit kulturellen Ausschließungsprozessen konfrontiert, weil sie offensichtlich als kulturelle Andere beschrieben, eingeordnet und angesprochen werden. Andererseits kann dies zu Selbstausschließungsprozessen von eben diesen Menschen, die sich als benachteiligt erleben, führen.“

Die Lösung sei zwar keine einfache, jedoch eine notwendige, fährt Böhmer fort. Man muss an verschiedenen Punkten gleichzeitig ansetzen. Einerseits am Bildungssystem, das strukturelle Diskriminierung ermöglicht; andererseits an den Individuen: Aufklärung und Entdiskriminierung. Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Das sind für Böhmer zentrale Antworten, um Bildungsungleichheit entgegenzuwirken und damit Bildungsgerechtigkeit zu ermöglichen. „Gleiches gleich behandeln bedeutet, dass alle Kinder die gleichen Chancen haben sollen. Doch dafür braucht es eine ungleiche Behandlung. Wenn ich z.B. feststelle, dass jemand aufgrund sozialer Differenzen verschiedene Zugänge zu Ressourcen hat, kann ich diese Menschen nicht noch mehr benachteiligen, sondern muss versuchen, das zu kompensieren“, so Böhmer. Konkret bedeutet das, sich genau anzuschauen, welche Ressourcen die Individuen mitbringen und darauf zu reagieren. Aber auch öffentliche Institutionen auf strukturelle Diskriminierungen hinzuweisen, ist eine notwendige Aufgabe.

Kleine Schritte für eine systematische Änderung

Auch wenn für Böhmer langfristige Maßnahmen zentral sind, können auch Sofortmaßnahmen gesetzt werden, um die soziale Ungleichheit im Bildungsbereich ein Stück weit auszuhebeln. Dazu zählt zum Beispiel das Umdenken bei teuren Materialleistungen, die in einer Schule zu erbringen sind, für Ausflüge, Lernmaterial, aber auch für Lernunterstützung. Es bräuchte ein kostenloses und flächendeckendes Nachhilfe-Angebot ebenso wie die Bereitstellung von kostenlosen Lernmitteln in allen Bundesländern. Auch der Einsatz von Assistent*innen während des Unterrichts wäre laut Böhmer wünschenswert. Also Pädagog*innen, die während des Unterrichts bei sozialen Prozessen begleiten oder einzelne Schüler*innen unterstützen können. Zwei Maßnahmen, die zum Teil schon praktiziert werden, eine systematische und flächendeckende Umsetzung wäre jedoch notwendig, damit alle Schüler*innen davon profitieren können.

Es seien nur kleine Schritte, erklärt Böhmer abschließend, doch auch diese brauche es: „Soziale Ungleichheit wird auch in kleinen Schritten im Alltag hergestellt. Daher ist es mir wichtig, kleine Schritte in die andere Richtung zu versuchen. Kleine alltägliche Schritte, die die Ungleichheit abbauen und die systematisch umgesetzt werden“.

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